Auferstanden aus Ruinen? #5


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Freitag Abend. Das Restaurant ist voll, wie lange nicht mehr. Die Schnitzelkarte schlägt gut ein bei den Gästen. Chef und Chefin freut‘s. Für mich ist es eine Katastrophe. Einerseits soll ich mehr Apero verkaufen, andererseits bei vielen Gästen an einem Tisch möglichst allen das Selbe. Viele Gäste beginnt für den Chef bei vier. Die Karte hat zwölf, zwölf!!! verschiedene Schnitzel. Und sie ist zusätzlich zur normalen Karte verfügbar. Warum hat er nicht nur 3 oder 4 genommen? Egal. Ich muss laufen, ich hab keine Zeit für solche Gedanken. Ich kann mich nicht konzentrieren. Seit dem Überfall wird es schlimmer und schlimmer. So muss sich Alzheimer anfühlen. Du merkst das es schlimmer wird daran, das die Dinge, die passieren viel schwerere Konsequenzen nach sich ziehen. Aber selbst das merkt man erst wirklich, wenn man sich wieder erinnert.

Früher, und mit früher meine ich vor knapp drei Wochen, früher musste ich nichts aufschreiben. Das ging alles im Kopf. Jetzt vergesse ich sogar das Aufschreiben. Was noch mal wollte sie? Salat? Ich glaube ja, aber welches Dressing? Und Schnitzel? Welches? Mit welcher Beilage? Ein Kloss steig in meiner Kehle auf. Tränen stehen mir in den Augen. Die Verzweiflung legt ihre ekeligen engen Finger um mich. Und sie drückt zu. Fest und fester. Mir bleibt die Luft weg. Ich atme langsam tief ein und wieder aus. Noch mal zum Tisch also. Ich will grad gehen, da brüllt der Chef durch die Durchreiche ich soll gefälligst die Salate mitnehmen, er braucht den Platz. Mir ist entfallen, wohin sie müssen. Ohne sie los zu laufen ist aber noch schlechter. Ich ziehe mir die Zettel hervor, und nehme welche mit.

Der Chef ist kurz vorm explodieren und auch Chefin schaut heute sehr ungeduldig. Das wird nachher ein Gewitter geben.

Das Schlimme daran ist, das sie recht haben. Ich arbeite lange genug hier. Was wirklich schwer wiegt, ist die Tatsache, das meine Leistung so unterirdisch schlecht ist. Sie wissen es, ich weiss es. Alle Versuche, das zu ändern scheitern kläglich. Das Restaurant hat 70 Plätze. Eigentlich kann ich genau sagen, wer was bestellt hat und auf welchem Stuhl er sass. Selbst später am Abend konnte ich sie alle noch mal durchgehen, egal ob der Tisch mehrfach belegt war. Das sind die zwei von mir gewohnt, darauf haben sie ein Anrecht, dafür zahlen sie Lohn. Was ich aktuell abliefere ist eine Schande. Hätte ich je irgendwo so angefangen, ich wäre den Job in der ersten Stunde wieder los geworden.

Mir ist das bewusst. Die Therapie wird hoffentlich helfen, auch wenn mir das heute nichts mehr nützt. Ich bin völlig fertig, innerlich nur noch leer. Woher ich die Energie nehmen soll, weiss ich nicht.

Das Gewitter kommt zum Feierabend und ist heftig. Ich weiss, das sie recht haben, aber der letzte Kommentar vom Chef, das er nicht verstehen kann, warum mich „so ein bisschen“ so aus der Bahn wirft, trifft mich hart. Ich soll ihm ja nicht mit einer Krankschreibung kommen. Das fühlt sich an, wie der nächste Tiefschlag.

An dem Abend verlasse ich das Restaurant, und auch wenn die Therapie noch keine Wirkung zeigt, hat es doch eine Konsequenz. Ich muss kündigen. Und ich kann es nicht raus schieben, morgen ist Monatsletzter, und ich hab 2 Monate Wartezeit zum Monatsende.
Das Einzige an dieser Tatsache, das mich berührt ist, das ich es morgen noch schreiben und abgeben muss. Das wird für alle Beteiligten hart. Und dann muss ich ja noch 8 Wochen hier arbeiten. Mir ist so übel. Wo ist der Stein unter dem ich mich verkriechen kann, wo das Sofa, aus dem ich nicht wieder raus muss. Hilfe!!!! Ich brauch dringend Hilfe. Ich schaff das einfach nicht allein.

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