Depressiv, oder einfach nur ein schlechter Tag?


Die Sonne scheint, es ist ein wunderschöner Tag. Sie sind gerade zurück von einem Besuch bei der Familie. Es war herrlich. Sie ist frisch Tante geworden, und durfte mit dem kleinen “Terrorkind” schmusen.

Es ist leicht, es als seltenes Privileg zu empfinden, das sie in der Zeit wirklich an nichts alltägliches dachte. Einfach nur da sein und geniessen dürfen. Ab und an ein Hauch einer Nachfrage: Schreiben? Neue Idee?

Gut, es gab zwei Träume, die vielleicht Potenzial gehabt hätten, aber ansonsten nix Neues. Und auch kein schlechtes Gewissen, das es so ist. Urlaub ohne Netz, nur ein paar Tage. Es war herrlich.

Wieder zu hause kann sie diesen freien Tag nicht geniessen. Sollte ich? Hätte ich? Müsste ich vielleicht noch? Und der Kaffee? Gott, der schmeckt so grauenvoll.

Wenn Autoren nicht schreiben, sollen sie ja lesen, sagt man so. Klar liest sie. Vor allem liest sie nach, nach den paar Tagen.

Eine gewisse Unzufriedenheit macht sich breit. “Hat mich denn keiner wirklich vermisst?” Nirgends gab es eine wirklich auszumachende Bewegung. Es ist alles wie immer. Ist das nicht schrecklich?

Und dann ein Blogg-Eintrag auf einer anderen Seite. Und da ist es, das Loch. Es hatte sich irgendwie schon angekündigt, aber nun tut es sich auf.

Die ersten Tränen rollen. Das Loch im Bauch, das sie nach unten zwingt, droht, sich seinen Weg nach oben zu bahnen. Wenn man sich zu nahe am Rand befindet, spürt man, wie es versucht, einen nach unten zu ziehen. Die eisige Hand, die sie unfähig macht, sich auch nur für irgendwas zu entscheiden, schickt ihren kalten Hauch voraus. Sie kennt die Vorzeichen, sie kennt den Zustand nur zu gut. Fast ein Jahr waren genau diese Dinge ihre besten Freunde. Wenn man sich nicht entscheiden kann, was man anzieht, lässt man einfach den Pyjama an. Wenn man nicht weiss, ob man überhaupt einen Kaffe will, wartet man halt, bis der Partner einem einen bringt. Das gilt auch für das Essen, für das Haare kämmen, für jede Bewegung, jeden kleinen Entscheid, der getroffen werden muss. Wenn es unmöglich ist, sich selbst zu organisieren, wenn man nicht mal weiss, das man zu nichts fähig ist, dann ist der Weg zur Depression bereits beschritten. Sie war depressiv. Gut, damals war ihr das nicht so bewusst, wie es das heute ist. Aber das macht es nicht einfacher. Ganz im Gegenteil. An Tagen wie heute, Tage, an denen doch alles gut ist, da ist dieses Wissen wie ein Damokles- Schwert.

Man kommt sich ein wenig vor, wie ein Alkoholiker. Selbst wenn er trocken ist, so bleibt er doch immer ein Alkoholiker. Jede Zu viel empfundene Belastung ist wie ein angebotenes Glas mit Alkohol. Man muss “nur” nein sagen. Muss es können. Jedes mal.

Es sind die alten Erinnerungen, die Gefühle die damit wieder nach oben gespült werden. Auch wenn man denkt, gewisse Dinge abgeschlossen zu haben, so ist es doch nicht immer der Fall.

Der Brief, die Erwähnung eines ganz speziellen Briefes, ist der Auslöser für die Tränen. Er ist verbunden mit Schmerz, mit dem Versuch, sich davon zu befreien, und noch mehr Schmerz wegen der Vorhaltungen, die ihm folgten. Jahre später.

Familie eben. Familie sind die Freunde, die man sich nicht aussuchen kann. Aber zum Glück kann man sich davon los sagen. Erwachsen werden heisst, zu wissen, wie man erzogen wurde, und sich ganz bewusst dagegen zu entscheiden.

Wenn einen Dinge plagen, die man irgendwie ja doch nicht ändern kann, wenn sie einen aber immer wieder beschäftigen und vielleicht sogar blockieren, dann kann es sinnvoll sein, das ganze schriftlich fest zu halten.

Und genau das ist passiert. Das Abnabeln hatte eigentlich gut geklappt, mit 31 Jahren vielleicht spät, aber besser als nie. Auch das dazu gehörende Gespräch hatte eigentlich statt gefunden. Nichts desto trotz war es immer wieder die Familie, die sie nicht los zu lassen schien. Ob Geburtstag oder Weihnachten, es wurmte sie zutiefst, das sich niemand meldete, das keiner von dort ihr Glückwünsche schickte. Nicht einmal die eigene Mutter, die Frau, die beim letzten Gespräch unter Tränen sagte: “Ich will doch nur, das es Dir gut geht. Ich will doch nur wissen, das Du versorgt bist.”

Und darum schrieb sie diesen Brief. Er ist sanft, fast höflich formuliert. Sie will niemanden verletzen, will aber das man versteht, das dieses Verhalten sie verletzt. Eine Antwort erhält sie nicht.

Es vergehen Jahre bis es wieder zum Kontakt kommt. Die Mutter ist nach 15 Jahren Kampf gegen den Krebs gestorben. Zu der Zeit war bereits auf dem Weg der Genesung aus den Depressionen heraus. Das Leben war wieder in normale Bahnen zurück gekehrt und sie war fast schon die Alte.

Und da ist er wieder, der Brief. Und wenn sie es nicht besser wüsste, wenn es ihr nicht schon wieder gut ginge, dann wäre es genau der Brief, der die nächste Katastrophe ausgelöst hätte. Es ist nicht der Krebs, der die Mutter dahin gerafft hat. Nicht die Metastasen, die bereits Leber, Niere und Rückgrat im Griff hat, nicht der von der Krankheit ausgemergelte Körper, nein, der Brief, der ist Schuld. Zumindest, wenn sie ihrer Schwester glauben soll. Das und die Tatsache, das sie es am besten hat von allen. Sie muss scheinbar nicht sparen oder nach dem Geld schauen, sie hat keine Sorgen, ihr Leben ist ein Leben im Paradies.

Es ist Arbeit, das alles zu verdauen. Aber es ist eine Aufgabe, keine Unmöglichkeit. Alles was man sich vorstellen kann, kann man auch erreichen. Und so wird auch diese Hürde genommen.

Aber an Tagen wie heute, wenn es scheint, das die Unzufriedenheit so unbegründet, so haltlos und so unangebracht in ihr Leben schleicht, da kommt mit all dem die Angst hoch, nicht “nein” sagen zu können. Sich einfach von all dem überrollen und nichts anderes zu zu lassen. Es scheint so verlockend, so einfach, sich zu verkriechen und sich nicht stellen müssen. Warum soll man denn immer kämpfen? Wofür überhaupt? Gibt es denn noch einen Weg? Versinkt nicht sowieso alles ein Gleichtönigkeit?

Ja, das wird es. Aber nur, wenn man es zulässt. Jedes Stück Farbe, jeder Schritt muss getan werden. Heute ist es vielleicht ein kleiner Schritt. Und morgen vielleicht auch nur. In der Summe bringt jeder Schritt aber mehr Entfernung vom Loch. Und was macht ein Leben individueller als die Entscheidungen, die man trifft oder die Hoffnungen, die man pflegt?

Und so gibt es doch ein Licht. Eine Kleinigkeit, die man zu ändern in der Lage ist, verändert das gesamte Bild. Ein kleiner Klecks Rot mitten im Grau macht das Bild spannend.

An Tagen wie heute, wo alles in Ordnung sein sollte, und es sich doch gar nicht so anfühlt, bleibt nichts anderes, als das Damokles- Schwert anzusehen, und zu sagen: “Ich weiss, das Du da bist. Und auch wenn ich Dich nicht mag, so darfst Du heute doch hängen bleiben”

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