Wenn Sterne vom Himmel fallen #1


Über 60 sms auf dem Handy, und doch allein. Gott, ich fühlte mich noch nie so allein. Vorgestern noch mitten im Leben und heute. Ja, was eigentlich?  
 Zum Bewerbungsgespräch vor acht Wochen bin ich mitten in der Nacht hier hoch. 400 km mit einem fast Fremden. Eigentlich wollte ich ja allein fahren, wäre nicht das erste Mal gewesen. Zum Glück hatte ich aber dieses Mal auf meine Mutter gehört. Ich arbeite gern, und hab darum Ja gesagt, als ich am Abend vorher angefragt wurde, aus zu helfen.  Bis 4 Uhr hab ich bedient. Erlebnisgastronomie. Das sollte man mal erlebt haben. Jeder Tag ein anderes Motto. Fast jeden Tag die Hütte voll. Frosch sucht Fahrrad, damit der Städter wieder Spass an der Partnersuche hat. Tanzabende mit einem Tango- Tanzlehrer, es ist nicht immer günstig, solange es denn nur nicht umsonst ist. DJs aus dem Radio, die Musik auflegen, und dabei nicht weniger spritzig sind, als wären sie „On Air“ Klar hatte ich Spass, und ich hab auch gut verdient. Für die wenigen Tage jedenfalls. Das ist jetzt. Davor habe ich richtig gut verdient. Mein Leben war klasse. Aber manchmal weiss es das Leben besser. Und dann zeigt es Dir den Stinkefinger und schickt Dich zurück auf Los. „Auf Los“ hiess für mich zurück nach Hause, würg; ins alte Kinderzimmer, es ist zum Kotzen. Im ersten Moment kommt es mir vor, als wäre das ganze Zimmer geschrumpft, seit ich das letzte Mal hier war. Alles wirkt kleiner, weniger einschüchtern, als ich es in Erinnerung habe. Ich sehe mich als Kind und Jugendliche, und einige Erinnerungen kommen hoch. Der Schreibtisch, früher meine Welt, heute alt, abgenutzt und viel zu klein. Er war das erste, dass ich abschliessen konnte, und ich verbarg all meine Schätze in ihm. Der Kleiderschrank, in dem nie lange eine richtige Ordnung herrschte. Und das Bett mit dem Radio, mein erstes eigenes Radio, an dem wir heimlich Westsender lauschten. Wenn man das eigene Leben schon angefangen hat zu Leben, und dann soweit zurück muss, ist das bitter. Das einzige, dass mit geblieben ist, ist mein Auto. Ein kleiner IIer Golf, und mein ganzer Besitz hat darin darin platz. Aber es ist ja nicht nur das. Nein. Es kommt noch ja viel besser. Es hat nicht lang gedauert, bis der Schuldeneintreiber den Weg zur Tür meiner Mutter gefunden hat. Ich muss ihr zugute halten, das sie mich zu dem Termin nicht aus dem Bett geschmissen hat, aber das Gespräch danach war deswegen nicht angenehmer. Mit Anfang 20 sind Vorsorge und Rücklagen eher keine Themen. Als Kind der ehemaligen DDR war es herrlich, kaufen zu können was man wollte. Und bei meinem Verdienst musste ich das erste Mal im Leben nicht schauen. Der Zusammenbruch des Büros kam für alle völlig unerwartet. Und damit auch die Schulden. Und mein Unvermögen, mich dem zu stellen. Gerade noch denkst Du, hey, mit 30 hast Du ausgesorgt, ok mit 32, wer will schon so früh in Rente. Mit 32 ist man dann vielleicht auch alt genug. Und dann plötzlich ändert sich alles. Du läufst auf Glas, unfähig einen Weg zum Rand zu finden, geschweige denn das Ende des Glasfeldes überhaupt zu sehen. Seit dem hab ich 2 Jobs, aber genug ist es nicht. Nach dem Gespräch mit meiner Mutter musste ich also etwas tun. So holte ich mir die Samstagsausgabe und fand diese Ausschreibung. Arbeiten wo andere Urlaub machen. Kost und Logis inbegriffen. Natürlich hat es mich interessiert. Und es brauchte nur ein Telefonat und ich durfte hoch kommen, und mich vorstellen. Ich war so naiv.

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