Seelen kennen keine Zeit


SeelenDas ganze Leben suchen wir nach der oder dem Einen, die Seele, die die unsere erkennt, die so tickt wie wir. Und an den Stellen, wo sie anders ist, erkennt sie die andere Seele immer als Ergänzung.

Wir spüren es quasi sofort. Es blitzt im ersten Augenblick hervor, und unbewusst ist es passiert.
Ich treffe diese Seele beim Frühstück. Ich bin die Neue in der Gruppe, alle anderen kennen sich bereits länger. Zwei Jahre sind sie zusammen, regelmässig. Ich hatte das auch, aber ich bin durch die Prüfung gefallen. Das ist meine zweite Chance, nochmal alles auffrischen, und dann hoffentlich bestehen.
Ich vermisse meine Truppe. Meine Seele ist traurig, wehleidig und sentimental. Nichts läuft richtig gut aktuell, dabei will ich doch gar nicht so viel. Zufrieden sein zu können wäre im Moment schon genug.
So sitze ich am Tisch, sie schwätzen und scherzen und lachen. Und dann seh ich diese Augen. Er ist zu spät, die Schulung geht gleich los, aber ihm macht das nichts. Er nimmt sich in Ruhe seinen Kaffee, als gäbe es nichts selbstverständlicheres, schaut durch die Runde, und ich sehe es. Es ist nur ein Augenblick, ein Wimpernschlag, nur ein Vorüberschweifen. In genau diesem Moment weiss ich, das ich diese Augen immer sehen werde.
Unsere Seelen kennen sich, vollumfänglich, schon immer.

Von Anfang an verstehen wir uns wortlos, reiben die Kanten aneinander und finden die versteckten Wunden des Anderen. Jeder Kampf, der Spuren hinterlassen hat, kann schonungslos offen gelegt werden. Jede Spitze prallt lachend und fröhlich an die Ecke des Anderen. Das Schaben hinterlässt ein Echo an Freunde und Erkenntnis. Die Verwundungen werden zu Schrammen und zerschmelzen scheinbar im Licht. Das Reiben des Anderen scheint die Heilung zu beschleunigen. Die Zeit vergeht im Flug, und auch wenn ich herzlich aufgenommen wurde, ist die vorwiegende Erinnerung der Einklang unserer Seelen. Ein Freund, ein Gleichgesinnter, mein Gegenstück. Ich muss nicht sagen, was ich will und kann. Es ist keine Rede von dem, was ich akzeptieren will, und was nicht. Der Gleichklang geht tief, und es tut so gut, wie nichts zuvor auf dieser Welt. Es fühlt sich an, als haben wir plötzlich Zugriff auf das Wissen und auf die Weisheit des Anderen. Tief im Inneren schliessen die Hoffnung und die Gewissheit neue Freundschaften, und es fühlt sich an, als wüssten wir sicher, wirklich sicher, das alles wieder gut wird. So viele Wunden, Kratzer, tiefe Löcher, und eins nach dem anderen scheint sich zu schliessen. Die Narben verblassen mit einer Geschwindigkeit wie ich es noch nie erlebt habe.

Dann ist die gemeinsame Zeit um. Alle müssen wieder heim. Und wir müssen uns trennen. Meine Seele bricht. Mein Herz zersplittert. Tausend Teile liegen zu meinen Füssen. Ich bin unfähig auch nur einen Schritt zu tun, ich bin unfähig mich zu bewegen. Alle Zellen schreien auf. Es ist als würde man mit dem Schmerz und wegen dem Schmerz mit der Unendlichkeit verschmelzen. Alle Wunden drohen aufzubrechen, gefühlt blutet mein ganzer Körper. Alles in mir wehrt sich dagegen. Nichts wird diesen Zustand je wieder ändern können. Keine Zeit kann das heilen.
Aber er ist das Gegenstück, das eine fehlende Teil für das eigene Ganzsein und es geht ihm nicht besser. Die Konsequenz ist, inkonsequent zu sein, und alle Folgen zu ignorieren. Und das tun wir. Mit einer allumfassenden Intensität als könnten wir zeitlos leben. Die Energie könnte wohl alles um uns nieder brennen, aber wir verbrennen nur uns selbst. Solange, bis nur noch Rauch und Asche bleiben. Ein Flächenbrand, aus dem das lang ersehnte neue Leben hervorgeht. Es brauchte dieses Feuer, dieses Nachgeben, um wie ein Schmetterling aus der Verpuppung heraus neu beginnen zu können. Und so fühlt es sich auch an.
Er hat mich gerettet. Er hat meiner Seele die Flügel zurück gegeben.
Von jetzt an können wir auch getrennt zusammen sein. Das nächste Mal werde ich ihn retten.

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