Wenn Sterne vom Himmel fallen #2


Der Abend zuvor war hart. Der Laden war brechend voll, wir sind gelaufen was wir konnten, um die Gäste zu bedienen. Ich hatte nicht mal Zeit, ab und an aufs Handy zu schauen. Mike wollte um 4 da sein, hatte er gesagt, wenn er nicht verpennt. Und Pünktlichkeit war nicht seine Stärke.
Irgendwann ist es 4, der Laden leert sich langsam und wir können endlich aufräumen. Von Mike keine Spur. In einer ruhigen Minute versuche ich ihn zu erreichen, nix.
Wir sind endlich fertig, die Abrechnungen sind durch und wir können gehen. Ich werd nervös, Mike hat sich nicht gemeldet. Er lehnt lässig  am meinem Auto und hat ein dickes Grinsen im Gesicht. Puhhh, immerhin, das hat klappt. Ich boxe ihm leicht auf die Brust, und er sieht mir die Erleichterung an, das er da ist.

Irgendwann sollte doch jede Pechsträhne wieder ein Ende haben, und ich hoffe wirklich, das heute der Beginn davon ist.
Er hat verschlafen, erzählt er. Er kam heute erst vom Armeedienst heim und musste erst mal pennen. Aber für mich tut er ja fast alles. Da ist es wieder, das Grinsen. So ein Schleimer denk ich lächelnd. Aber das er mich fährt, ist gut. Wir kennen uns noch nicht so lange. Mike ist selten genug da, und dabei oft genug nüchtern, das ich ihm zumindest ein Stück weit vertraue. Er hat etwas an sich, das mich anzieht. Es fällt ihm leicht, immer die richtigen Worte oder gesten zu finden. Keiner meiner „neuen Freunde“ weiss von meinem Scherbenhaufen der mich hier her geführt hat, aber Mike scheint ihn zu spüren. Ich weiss, das er verliebt in mich ist, und ich habe auch etwas ein schlechtes Gewissen, das ich ihn so ausnutze. In einem anderen leben, unter anderen Umständen hätte ich ihm sicher eine Chance gegeben. Er ist dieser „Fels in der Brandung“- Typ. Aber er wohnt immer noch bei seiner Mutter.
Wenn man vor einem Scherbenhaufen steht, ist es einerseits schwer, neue Freunde zu finden. Noch schwerer ist es jedoch, die Gefunden wirklich an sich ran zu lassen.
Er weiss, das mehr als Freundschaft nicht drin sein wird, das spüre ich genau. Das er mich fährt, ist seine Art zu sagen, ok, ich bin Dein Freund, und ich will der beste Freund sein, den Du haben kannst. Und das kann ich akzeptieren.
Den Weg nach oben verpenne ich total. für meine Verhältnisse ist das eine grosse Portion Vertrauen, die er da geniesst.
Ungefähr eine Stunde vor dem Termin sind wir da. Die Sonne geht gerade auf und es ist ein wahres Spektakel. Die Ostsee ist zugefroren, Eisschollen haben sich zum Teil übereinander geschoben und die Luft ist herrlich klar. Durch die aufsteigende Sonne flimmert das Eis als wäre es lebendig. Es blendet in den Augen, aber wirklich weg schauen möchte man gar nicht.
Das Dorf selbst ist kleiner als ich dachte, und schnell sind wir am Ende angekommen. Ich bin immer noch müde, und noch gar nicht richtig wach, aber eine Stunde ist viel zu früh, um zum Termin zu erscheinen. Wir stellen das Auto ab, und laufen ein wenig die Promenade entlang. Sie ist grösser als ich dachte. Der Wind ist eisig, aber der Sonnenaufgang macht das locker wieder wett. Der Strand ist Menschenleer, nur wir zwei. Das Licht wird von Orange langsam zu gelb und immer heller. Der Tag beginnt mit einem Strahlen wie ich es noch nie gesehen habe. Es ist als verspräche dieser Sonnenaufgang alles, was man sich nur wünschen möchte. Es ist surreal und doch wunderschön. Ein Gefühl von Hoffnung und Freiheit keimt in mir auf. Das erste Mal nach dem Neustart wage ich wieder zu denken, ich schaffe das, ich bekomme das hin. Aus eigener Kraft.
Mit diesem Gedanken laufe ich an einer aufgeschobenen Eisscholle vorbei. Dort muss mal ein Schwan oder eine Möwe fest gefroren gewesen sein, denn ein grosses Büschel Federn klebte immer noch fest. Es ist wie eine bildliche Bestätigung, das ich es wirklich schaffen kann.
Es ist zu kalt, und schnell sind wir durchgefroren. Die Seebrücke markiert circa die halbe Promenade.Wir sind genug gelaufen. Deshalb entschliessen wir uns, doch schon vor dem Termin zu klingeln.
Es ist ein einstöckiges Haus, mit einem flachen Spitzdach. Gelbe Klinker hinter einer Hecke.
Nach dem klingeln kratzt es in der Sprechanlage kurz und dann ertönt ein Summen und die Tür im Gartentor schwingt auf.
Irgendwie ist es ein Willkommen, und doch irgendwie nicht.
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