Hildegard S.


Hildegard S.IMG_1487

Ausgerechnet Hildegard. Einen hässlicheren Namen hätten sie sich nicht aussuchen können. So altbacken, so mütterlich, so familienfreundlich, so schwiegermütterlich Abweisend und vor allem so schrecklich unerotisch. Er passt so ganz und gar nicht zu dem, was ich gleich erzählen muss. Öffentlich. Im Fernsehen. Vor ca. 8 Millionen Menschen.

Die dunkle Perücke sitzt dank der Visagistin perfekt und ein kleines bisschen mag ich sie sogar. Hildegard also. Das ist wohl auch der Grund, warum ich ruhiger bin als alle anderen um mich herum. Hinter ihr kann ich mich verstecken. Hoffentlich. Das Schlimmste ist entweder schon passiert, oder es kommt nach der Ausstrahlung. Egal wie, jetzt ist es zu spät, etwas ändern zu wollen. Es geht hier schliesslich nicht um mich.

Ich würde gern Walter die Schuld geben. Seiner Liebe und seinen unwiderstehlichen Nachrichten, aber so einfach ist es leider auch nicht. Walter, der wirklich so heisst, und Hildegard. Na, zumindest passt das. Die Namen scheinen beide aus der selben Generation zu stammen. Wobei, er denkt ja, ich heisse Heike. Nun ja, er dachte es. Was für ein Chaos. Hilde heisst Heike, die eigentlich ich bin. Oder Dasha oder Tamara oder, oder, oder… Fünfundzwanzig solcher Namen hatte ich. Fünfundzwanzig Profile auf einem Flirtportal. Geschrieben habe ich auf vier verschiedenen Portalen. Es klingt selbst in meinen Ohren, als hätte ich den Job einer Nutte gemacht. Und so im Nachhinein betrachtet war es wohl auch. Am Ende jedenfalls.

Aber fangen wir von vorn an.

Den Beruf Moderator oder Controler auf Flirtportalen kann man nicht lernen und es gibt ihn sicher auch nicht. Das könnte durchaus etwas damit zu tun haben, dass man sich mit einer solchen Tätigkeit mehr oder weniger nah an den Grenzen zum Betrug bewegt.

Ich bin ein Lügner, ein Betrüger und ein Dieb. Ich habe nicht nur Geld gestohlen. Ich habe mich dafür verwendet, das die Sehnsucht nach der Liebe, dem Zusammensein oder dem nicht mehr allein sein wollen die Herren der Schöpfung dazu verleitete, noch mehr Geld auszugeben. Das war keines falls beabsichtigt. Das hat sich so ergeben. Nicht wie die Jungfrau zum Kind, eher wie Hans im Glück. Aus Unkenntnis und Ungläubigkeit hatte ich mir vieles eingeredet. Zum Glück erwachte ich früh genug.

Beginnen wir mit Ehrlichkeit. Zuallererst ist es wohl meiner Selbstverliebtheit zu verdanken, dass ich jetzt in diesem Schlamassel stecke. Ich wollte schon immer schreiben. Als Autor dürstet es einen vor allem nach Lesern. Nach Lesern, die einen lieben, die die Texte verschlingen und nach mehr schreien. Aber wie überall auch, muss man sich das verdienen. Diese Aufgabe ist nicht einfach und verleitet zum Resignieren. Das Durchhalten selbst kann einen stärken, doch kleine Zweifel bleiben. Und je länger man sich plagt, desto hartnäckiger können sie werden. Es geht einem wie dem Verdurstenden auf dem Meer. Man ist immer versucht, am Ende das Salzwasser zu trinken. In diesem Zustand ist es nicht mehr weit bis zur Fata Morgana. Meine Bestand aus einer Anzeige. Schreiber wurden gesucht. Der Autor liegt verzweifelt am Boden der sich nicht finden wollenden Leser, warum also nicht dem Schreiber eine Chance geben?

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