Der letzte Tanz


„Manchmal sehe ich sie alle, weißt du das?“, riss sie ihn aus seinen Gedanken. Er wusste es nicht und quittierte die Frage darum mit einem „Hmm.“, und schwieg dann weiter.

„Ich meine Julie und Steve, Gustav und natürlich auch Ruth. Und all die anderen. Sie warten im Pavillon im Park auf uns.“ Sie schaute ihn über den Rand der Kaffeetasse ernst an. Ihre Augen waren für ihn wunderschön, auch wenn das Grau längst verwässert war. In seiner Kindheit hatten sie früher einen Reim: “Graue Augen- Straßendreck- werfen alle Jungen weg.“ Auf ihn traf das nicht zu. Der Glanz und die Stärke ihrer Augen hatten ihn zuallererst gefesselt. Ihr Blick war klar wie Tau an einem Frühlingsmorgen, manchmal auch silbern und tief wie der See im Herbst, kurz vor dem ersten Frost, wenn das Wasser ganz still war. Und genau so war sie auch. Vielschichtig und intelligent: eine Frau die ihn überraschte und herausforderte, auch heute noch.

Ihre Augen waren immer das erste, das er sah, wenn sie zusammen tanzten und sie nach einer Drehung seinen Blick suchte. Er liebte das herausfordernde Funkeln, wenn sie sich noch ein oder zwei Schritte stibitzte, vor sie zurück in seine Arme geflogen kam. Oder den überraschten Ausdruck, wenn er sie spontan in einer Figur ablegte. Natürlich wusste er auch, welch böse Blitze sie nur mit den Augen schicken konnte. Aber solange er ihr Mittelpunkt sein durfte, war er zufrieden mit sich und der Welt.

„Sie warten auf uns?“ fragte er zurück.

„Ja, und es werden immer mehr.“

„Wie meinst du das?“

„Na ja. Am Anfang war nur Julie da. Und ich dachte, ich sehe sie, weil ich sie fast vergessen hatte.”

Es war erst vor kurzem passiert, dass sie festlich gekleidet an der Tür gestanden hatte, um ihrer besten Freundin zum Geburtstag zu gratulieren und mit ihr zu feiern. Julie war jedoch bereits verstorben.

Einen Augenblick senkten sich ihre Augen. Sie wollte nicht glauben, dass sie wirklich zu dem Geburtstag ihrer früheren Freundin gewollt hatte, bis es einer der Pfleger bestätigt hatte.

“Aber dann kamen unsere anderen Freunde dazu. Ich glaube, sie warten auf uns. Darauf, dass wir uns zu ihnen gesellen.“

„Hmm“, nickte er als Antwort.

Klaus nahm einen Schluck Kaffee. Er war skeptisch, dass sie die alte Clique wirklich sah. Vielleicht war das auch Teil ihrer neuen Aussetzer. Manchmal war es auch für ihn schwer auseinander zu halten, ob sie bei klarem Verstand war. Und doch. Auch er machte sich seine Gedanken darüber, wie der Tod kommen würde. Und die Vorstellung, von Freunden abgeholt zu werden, gefiel ihm. Die Sorge darum, dass es nur ein weiterer Ausfall, eine weitere neue Phase war, eher nicht.

Der erste Kaffee im Wintergarten ihrer Alterswohnung war ein kleines Ritual. Ein Überbleibsel aus der Zeit, als sie noch arbeiten gingen. Egal was war, diese gemeinsame Zeit nahmen sie sich.

Früher in ihrem Haus saßen sie am Küchentisch und besprachen dabei den anstehenden Tag. Doch dann passierten diese Dinge. Elsa war beim Fensterputzen von der kleinen Trittleiter gestürzt. Es war nichts Ernstes passiert, doch sie erzählte jedem eine andere Geschichte, was passiert war. So als ob sie sich nicht erinnern konnte. Dann verlegte sie Sachen. Sie hatte es gut gemeint, als sie die Weihnachtsgeschenke versteckte. Doch nachher nicht mehr zu wissen wohin, war schwierig zu verstehen.

Der vorerst letzte Höhepunkt jedoch war der Anruf aus dem örtlichen Einkaufsladen. Elsa war im Nachthemd einkaufen gegangen und als sie an der Kasse nicht zahlen konnte, weil sie kein Geld dabei hatte, hatten die Angestellten die Polizei gerufen.

Das war der Moment, als er einsah, dass er Hilfe brauchte, und für sie beide diese Wohnung in dem Seniorenpark gekauft hatte.

Sie tranken ihren Kaffee aus und brachten die Tassen wie üblich hinüber in dem Gemeinschaftsraum des Seniorenheims. Zum Treffen der anderen mussten sie sowieso dort hin. Der große Fernseher lief bereits und die Sitzgelegenheiten davor waren gut besetzt.

„Wollen wir nachher zum Pavillon gehen?“, holte ihn Elsa aus seinen Grübeleien. „Ich fühle mich heute leicht wie eine weiße Feder.“ lachte sie ihn an. Es war dasselbe Lachen, das er von früher kannte und immer an ihr geliebt hatte. Hell und Leicht, fast wie Sonnenstrahlen.

Die weiße Feder war ein Insider zwischen ihnen. Damals hatten sie zusammen viel Jive und Boogie- Woogie getanzt und es nach und nach zu einigen regionalen Pokalen gebracht. Dieses Hobby hatte immer Spaß gemacht. Und genau das war ihre einzige Regel zu den Turnieren. Sie wollten aufhören, wenn es Stress wurde. Nach einem erfolgreichen Turnier hatte sie ein Professor angesprochen. Er bot ihnen seine Dienste als Vorbereitung für einen überregionalen Wettkampf an. Sie wussten bis nicht, ob sie dort überhaupt teilnehmen wollten, doch er ließ nicht locker. Am Ende sagten sie zu, seine nächste Vorlesung zur Probe zu besuchen.

Es war spektakulär. Ein Student sollte, nur vom Zeigefinger vier anderer Lernender, einmal von rechts nach links durch den Raum getragen werden. Beim ersten Versuch ging es deutlich schief. Danach wurden die Probanden mittels Gedankentraining ein paar Minuten vorbereitet. Der Professor wiederholte ständig „…leicht, wie eine große weiße Feder, leicht wie eine große weiße Feder“. Die Protagonisten hatten es geschafft, den Jungen nur auf Ihren Fingern tragend über die Bühne zu bringen. Nur, das der Zweimetermann, der da auf dem Stuhl saß, ein Schwarzer war.

Auch Klaus musste bei der Erinnerung daran lachen.

„Wenn es dir gut genug geht, machen wir das gern.“, sagte er. „Möchtest du den Rollator mitnehmen?“ Elsa mochte das Gerät nicht. Sie nahm es als Zeichen für ein weiteres Stück verlorener Freiheit. Es wäre nur eine Vorsichtsmaßnahme, das wusste sie. Trotzdem sah sie ihn an, als würde er sie gerade für verrückt erklären.

Diesen skeptischen, ungläubigen Blick, der Blitze zu versprühen schien kannte er gut. Und egal wie schlimm es war, er bevorzugte ihn 1000 Mal mehr, als das immer öfter auftretende lieblose vor-sich-hin-Gestarre, wenn er sie an den Dieb des Lebens verlor, wie er ihre Demenz nannte.

Als sie nun beim Frühstück saßen, holte er ein geliebtes Ritual nach, dass er heute gern schon auf dem Balkon gehabt hätte. Er war zu der Erkenntnis gekommen, dass Veränderungen einem im Alter viel suspekter erschienen. Sie kamen zu plötzlich, es dauerte zu lange, bis man sich daran gewöhnt hatte und, das war das Schlimmste, sie brachten selten noch Verbesserungen mit sich.

„Weißt du noch, damals?“, fragte er und sie antwortete: „Wann damals meinst du denn genau?“

„Ich musste heute Morgen wieder an unsere Zeit mit den Turnieren denken.“, sagte er. „Vor allem das Große, was war das gleich noch?“, und wie immer half sie ihm. „Du meinst das Rosenturnier? Wo wir fast nicht teilgenommen hätten?“

„Ja, genau das.“, antwortete Klaus. „Wie du heute Morgen so auf dem Bett gesessen hast, den Rücken so gerade, so aufrecht, als könnte dich nichts umwerfen, da musste ich daran denken.“

Eine Weile schweiften sie in alten Erinnerungen.

„Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich dich verlieren würde.“, sagte er. “Ohne dich will ich nicht leben. Daran hat sich nichts geändert, Liebes.“

Nach dem Frühstück gingen sie bei allen, die schon wach waren vorbei und begrüßten sie. Auf dem Weg zurück zu ihrer Wohnung begegneten sie Thomas, einem der Pfleger. “Guten Morgen Hans“, ging Elsa fröhlich grüßend an ihm vorbei. Klaus stockte einen Moment und blieb stehen. „Seit wann nennt sie sie Hans?“, fragte er nach. „Seit kurzem.“, antwortete dieser. „Wissen sie, wen sie meint?“

Klaus nickte, winkte ab und ging seiner Elsa hinterher. Es gab nur einen Hans. Und Thomas hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. Hans war sein bester Freund gewesen. Die Liebe für die Musik der Fünfziger und Sechziger verband sie. Klaus tanzte dazu mit Elsa und Hans spielte mit seiner Band auf diesen Anlässen. Thomas trug seine Frisur und den Bart ähnlich wie Hans. Dass ihm das nicht früher aufgefallen ist, dachte er kopfschüttelnd. Doch auch Hans war bereits gestorben. Klaus dachte daran, dass vielleicht auch Hans im Pavillon auf ihn warten könnte. Dieses Bild ging ihm nicht aus dem Kopf.

Das waren noch richtig tolle Abende. Seiner Meinung nach ging nichts über gute Livemusik. Ehrliche Handarbeit eben. Gern erinnerte er sich an die Stunden, die sie nach den Auftritten noch zusammen saßen. Bei einem Glas Wein oder Whisky diskutierten sie Wichtiges und Unwichtiges, lachten viel und waren unbeschwert. Die Musik verband sie auf mehr als eine Weise.

In der Suite angekommen schaute Klaus zuerst nach Elsa. „Du hast Thomas mit Hans begrüßt.“, sagte er. Dafür erntete er verständnislose Blicke. „Hans ist doch tot, was erzählst du da?“ So schnell wie es kam, war es auch wieder weg. Noch jedenfalls. Was, wenn sie ihn später nicht mehr erkannte? Ein Leben ohne seine Geliebte konnte und wollte er sich nicht vorstellen.

„Soll ich uns Kaffee machen, Liebes? Wir könnten ihn zum Pavillon mitnehmen.“, rief er in das Appartement. „Oh, ja bitte. Was für eine tolle Idee.“, kam die Antwort aus dem Schlafzimmer. Sie zog sich also an. Wunderbar. Er würde den besten Kaffee kochen, den sie je getrunken hatten.

Sie hatten einfach perfekt zueinander gepasst. Gesucht und gefunden, oder wie es damals hieß: “Jeder Topf hat seinen Deckel.“ Sie war sein Deckel. Das Tanzen war ihr gemeinsames Hobby, durch welches sie ihre besten Freunde kennen lernten. Später hatte er begonnen zu malen. Die Stillleben im Flur und in der Küche zeigten für ihn jedoch nur noch seinen eigenen Verfall. Man sah, dass er einmal richtig gut gewesen war. Doch die Gicht hatte ihm seine Fertigkeiten schnell wieder genommen. Das Alter ist eine gemeine Hure, dachte er manchmal. Sie gibt einem die Zeit, die man vorher nie hatte, macht einem Hoffnungen und nimmt einem gleichzeitig die Fähigkeiten. Es heißt zwar immer, man verliere im Alter die Kontrolle, aber er sah das anders. Es ist nicht so, dass er morgens aufgewacht war, und nicht mehr wusste wo seine Fähigkeit war, ein Gesicht zu malen oder seine Blase zu halten. Nein, das Alter nimmt es einem einfach. Genauso wie die Zeit keine Wunden heilt. Er wusste es längst besser. Man überdeckte die Wunden nur. Entweder mit Ignoranz oder anderen, meist schlimmeren Schmerzen. So einfach war das.

Mit einem bösen Blick bedachte er dabei den Schrank im Flur. Ganz oben waren neuerdings Windeln drin. Und die waren nicht für seine Frau. Sie vergaß mehr und mehr, aber undicht wurde sie nicht.

Da hatte man sich durch das ganze Leben aufrecht und anständig bewegt, dachte er enttäuscht, damit man als alter Knacker wieder nachts eine Windel braucht.

Wenn er eines genau wusste, dann dass es im Alter nicht mehr besser wurde. Egal um was es ging. Und jetzt ging es um Elsa. Seine Elsa. Die ihre Freunde im Pavillon sah. Die gemeinsame Zeit war begrenzt. Nie sah er das klarer als heute Morgen.

Der Kaffee war fertig und in einer Thermoskanne verpackt und seine Frau stand pünktlich vor ihm. Freudestrahlend hakte sie sich bei ihm ein. „Wir gehen ohne dieses schreckliche Ding, nicht wahr?“

Er löste sich kurz von ihr um ebenfalls seine Jacke anzuziehen, nahm dann wieder ihren Arm und antwortete: “Nein, meine Liebe. Wir werden ihn nicht brauchen. Es ist ein wundervoller Tag. Und ich glaube, wir werden heute einen ganz besonders schönen Tag verbringen. Erzählst du mir auf dem Weg, wer alles auf uns wartet?“

So gingen sie gemütlich Arm in Arm schlendernd durch den Park und erinnerten sich an ihre Freunde. Sie waren entspannt und lachten, als sie am Pavillon ankamen. Sie setzten sich und Elsa zeigte ihm, wer alles da war. Je länger sie sie aufzählte, desto mehr konnte er sie auch sehen. „Sie nur, Julie trägt ihr blaues Kleid. Das, dass ihr schon immer so gut stand.“, dann kicherte sie. „Und Hans in Jeans, das kann doch nicht wahr sein.“

„Ja, du hast völlig recht.“ gickerte er mit seiner Liebsten zusammen. So kannten sie Ihre Freunde, und so sahen sie damalige Equipe jetzt vor sich

Er öffnete die Thermoskanne und goss zwei Tassen Kaffee ein. „Gustav ist auch da, schau“ sagte er.

Irgendwo im Hintergrund spielte eine Band Dixieland und alle tanzten beschwingt im Pavillon. Es klang fast wie „The Wanderer“ von Kid Ory, einem ihrer Lieblingsstücke. Die Füße schwebten über den Boden und die Röcke flogen hoch. Welch eine Freude!

 

Einige Stunden später begannen die Pfleger das nette Paar aus Appartement Neun zu vermissen. Nach einer Suchaktion im Park wurden fanden sie sie im Pavillon. Mit glücklichem Gesichtsausdruck saßen sie noch immer auf der Bank und waren entschlafen. Die Kaffeetassen standen neben ihnen. Am Boden war ein Rest weissen Pulvers zu erkennen.

 

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