Mein rotes Schmuckstück


Mein rotes Schmuckstück
Angelika Dyllong

Es ist Montagmorgen, und ich steige im Halbschlaf in mein Auto. Eigentlich will ich wie gewohnt zur Arbeit fahren. Das Wachwerden ist offiziell erst nach dem ersten Kaffee so gegen neun geplant.
Beim Einsteigen fällt mir auf, dass der Tank leer ist.
Nicht einfach im Sinne von „Oh, die Lampe ist gerade angegangen!“ – Leer. Es ist dieses „schaffe ich es noch bis zur nächsten Tankstelle?“ – Leer. Der Zeiger, der im roten Bereich der Skala ruht, macht keine Anstalten, sich auch nur einen Millimeter nach oben zu bewegen. Ich überlege, warum ich nicht getankt habe. Aber der Hamster, der das Rad antreiben sollte, damit mein Gehirn anfängt zu laufen, scheint ebenfalls noch nicht anwesend zu sein. Wo bin ich gewesen? Moment! Freitag war ich arbeiten, das ist sicher. Das bedeutet normalerweise, dass ich die ganze Woche im Büro verbrachte. Was also war anders? Was hatte ich am Freitag noch getan? Oder am Wochenende?
Letzteres ist einfach: Die zwei Tage bestanden daraus, bequem auf der Couch zu lümmeln. Auf dem Sofa fährt man keinen Tank leer.
Woran lag es dann? Den Freitag habe ich daheim verbracht. Oder? Gott! In meinem Kopf tut sich ein Loch auf. Verzweifelt versuche ich, mich zu erinnern, warum der Tank so derart leer sein kann, wo ich war und warum um alles in der Welt ich keine Erinnerung daran habe. Alkoholexzess fällt aus, das wüsste ich. Eine Stimme in meinem Kopf flüstert: Sicher?, und lacht hämisch. Durch die hartnäckige Abwesenheit meines Hamsters hat dieses Gelächter viel Raum und erzeugt ein interessantes Echo.
Langsam beschleicht mich das Gefühl der Angst. Wenn ich so etwas schon vergesse, was noch? Die Stimme in meinem Kopf flüstert: Na, da weiß wohl einer nicht, was er nicht mehr weiß? Wieder dieses Gelächter.
Die Zweifel an meinem Erinnerungsvermögen werden größer, je länger ich hinter dem Steuer sitze und den Zeiger anstarre. Einen Moment beschleicht mich sogar die Hoffnung, dass die Anzeige es sich überlegen würde, wenn ich sie nur lange genug mit den Augen fixiere.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Kopfschüttelnd entschließe ich mich loszufahren. Vielleicht kommt die Erinnerung mit der Tätigkeit zurück, welche mein Dilemma verursacht hat.
Als ich die Kupplung trete rollt der Wagen langsam in Richtung Garagenausfahrt. Dann greife ich zum Schaltknüppel um dem Rückwärtsgang einzulegen. Zum piepen das nun ertönt gesellt sich ein ein sabberndes, schmatzendes Saugen. Es klingt schrecklich nass und erinnert mich an ein zu gross geratenes Baby, das an der Flasche nuckelt. Mit dem Schmatzen kommt auch der Schmerz. Meine Hände sind gefangen in vielen kleinen Zähnen, die sich schnell immer tiefer ins Fleisch kauen. Das Lenkrad ist bereits bei meinem Ellenbogen angekommen. Das ganze Auto wird zu einem riesigen Maul und ich bin mittendrin. Es nuckelt und schabt an mir. Es klingt wie jemand, der mit offenen Mund Kaugummi kaut. Nur das ich das Kaugummi bin.
Für einen Schrei ist es bereits zu spät. Den angefangenen Atemzug werde ich nicht beenden können. Der Sitz hat mich in seinen reissenden Klauen. Ein schleimiges Knabbern umfasst meine Oberschenkel und die Hüfte. Das Letzte was ich sehe ist Blut, das mir von der Stirn in die Augen läuft.

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